Kurz gesagt

Inzwischen hat sich die von Friedrich Schweitzer und Thomas Schlag vorgeschlagene Unterscheidung einer „Theologie der Kinder bzw. Jugendlichen“ von einer „Theologie für Kinder bzw. Jugendliche“ durchgesetzt. Entsprechend wird dann von „Theologie mit Kindern bzw. Jugendlichen“ gesprochen.
Ich verwende lieber den Begriff „Theologisieren„, weil er den Prozess besser betont. Außerdem spreche ich von „theologischen Konstruktionen der Kinder und Jugendlichen“ und stelle ihnen „Angebote aus dem Bereich der (christlichen) Religion“ gegenüber. Die theologischen Konstrukte der Einzelnen hängen mit deren persönlichen Erfahrungen zusammen und sind innerhalb ihrer Lebenswelt mindestens eine Zeitlang mehr oder weniger stimmig. Ähnliches gilt für die theologischen Konstruktionen aus der Tradition: Auch sie sind nur vor dem Hintergrund bestimmter Herausforderungen und (sprachlicher wie nicht-sprachlicher) Symbole aus ihrer Entstehungszeit ganz verständlich.
Für den Austausch gedanklicher Konstruktionen gilt der grundsätzliche Vorbehalt jeder Kommunikation: Es gibt kaum Eindeutiges. Schon das, was ich äußere, stimmt – nach meiner eigenen Wahrnehmung – nicht zu 100 Prozent mit dem überein, was ich wirklich denke und fühle. Bei meinem Gegenüber aber werden meine Äußerungen zusätzlich noch mit dessen ganz persönlichen Erfahrungen vermengt. Dadurch entstehen Ambivalenzen und Ambiguitäten. Deshalb ist Ambiguitätstoleranz eine der wichtigsten Voraussetzungen für das Theologisieren. Gleichzeitig wird sie durch eine vertrauensvolle Atmosphäre und vor allem durch echte Fragen weiterentwickelt.
Theologisieren ist also keine Methode, sondern eine didaktische Grundhaltung. Entscheidend ist die Akzeptanz von Ambivalenz und Ambiguität in unseren Glaubensaussagen: Wir können unseren Glauben nicht einfach weitergeben.
Wir können aber „gewaltlos, ressentimentlos und absichtslos für die Schönheit unseres Lebensentwurfs werben“ (vgl. F. Steffenskys Definition von Mission). Wenn es passt, gerät beim Gegenüber etwas ins Schwingen. Und wenn die Atmosphäre es zulässt, wird dieses Gegenüber mitteilen, was bei ihm angekommen ist. Dadurch können neue Resonanzen (bei anderen Gruppenmitgliedern wie auch bei dem/der Mitteilenden selbst) entstehen.

Genauer betrachtet

Der domänenspezifische Ansatz in der Entwicklungspsychologie geht von verschiedenen Kerndomänen (core domains) aus. Schon Kleinkinder haben „naives Wissen“ in den Domänen Biologie (etwas ist lebendig oder tot), Physik (wenn ich einen Gegenstand loslasse, fällt er nach unten) oder Psychologie (wenn Mama lächelt, ist alles gut). Die Entwicklung in den verschiedenen Domänen verläuft fließend – und nicht gleichförmig – zwischen „Novize“ und „Expertin“. Sie hängt mit einschlägigen Erfahrungen zusammen. (Fünfjährige kennen die verschiedenen Arten von Dinosauriern vielleicht besser als die meisten Erwachsenen.) Praktische Theologen wie Gerhard Büttner und Veit-Jakobus Dieterich (Entwicklungspsychologie in der Religionspädagogik, Göttingen, 2. Aufl. 2016) schlagen auch ein Kerndomäne „Religion“ vor. Für die Entwicklung dieser Kerndomäne kann das Theologisieren Wesentliches beitragen.

Theologie kann heute nur „im Plural“ verstanden werden. Genau genommen konnte man allerdings auch noch nie von nur einer „Theologie“ ausgehen (vgl. Luthers Auslegung des 1. Gebots in seinem Großen Katechismus, die in der bekannten Aussage gipfelt: „Worauf Du Dein Herz hängest und verlässest, das ist eigentlich Dein Gott.“). Die „Theologie“ eines Menschen kann in dieser Linie als das Ensemble seiner auf eine Transzendenz bezogenen Einstellungen bezeichnet werden, die sein Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. 

Neurobiologisch gesehen bildet sich ein vorbewusstes, implizites „theologisches Konzept“ vor allem durch Erfahrungen mit wichtigen Bindungspersonen und eigenen Erfolgs- bzw. Misserfolgserlebnissen aus. Es wird durch bedeutsame „Geschichten“ wie Märchen, Erzählungen und (literarische) Kunstwerke der Religionen gestützt und geformt. Die so entstehenden Selbstkonzepte der Jugendlichen (z. B. „Ich bin nur ein kleines Licht“) sind existenziell bedeutsam – auch wenn sie nur beschreibend erscheinen („Narrativ“), wie z. B.: „Nur die Braven kommen in den Himmel.“ Selbst- und Gotteskonzept eines Menschen sind gleichsam zwei Seiten einer Medaille.

Die Äußerungen der christlichen Religion (heilige Texte, Rituale, Orte und Zeiten; Diakonie, kirchliches Leben, aber auch religiöse Literatur) transportieren im Wesentlichen das Narrativ vom nahen und zugewandten Gott der Liebe. Sie können als „Erinnerungsfiguren“ betrachtet werden, die die Botschaft von der liebevollen Nähe Gottes zu den Menschen von Generation zu Generation weitergeben („zu meiner Erinnerung/zu meinem Gedächtnis“). Im Konzept des Theologisierens stellen diese Erinnerungsfiguren Lernanregungen dar, mit denen sich die Kinder und Jugendlichen auseinandersetzen sollen. Sie werden also nicht als „ewig gültige Wahrheiten“ verstanden und vermittelt, sondern als kontextabhängige Manifestationen des christlichen Glaubens, die auf Grund ihrer Gestalt zu Herausforderungen und Impulsen für die eigene Lebenspraxis werden können. Die Unterrichtenden achten jeweils darauf, dass die präsentierten Erinnerungsfiguren einerseits komplex genug sind, damit die verschiedenen Kinder und Jugendlichen Andockmöglichkeiten sehen; dass sie andererseits aber auch elementar genug sind, damit sie für die beteiligten Kinder und Jugendlichen relevant sein können.

Angebote aus dem Bereich der Religion können mit Erfahrungen, Kenntnissen und Fähigkeiten der Einzelnen „in Schwingung geraten“: berühren, bewegen, Widerstände erzeugen, bestätigend wirken oder schlicht Aufmerksamkeit erregen. Gemäß der Resonanztheorie von Hartmut Rosa können in der offenen Begegnung mit dem Fremdartigen religiöser Texte, Orte und Praktiken „Resonanzachsen“ entstehen: „horizontale Resonanzachsen“ zwischen den beteiligten Menschen, „diagonale Resonanzachsen“ in Beziehung auf die damit zusammenhängenden Gegenstände und/oder „vertikale Resonanzachsen“ zu Gott, dem Sinn des Lebens oder bedeutsamen Ereignissen der (kollektiven) Geschichte etc.

Wenn die Bedingungen günstig sind, kann es zur „Anverwandlung“ kommen:
„Anverwandlung meint, sich einen Weltausschnitt, einen Stoff so anzueignen, dass man sich selbst dabei verwandelt. Das Subjekt be- und verarbeitet den Stoff und verändert dabei sich selbst ebenso wie den bearbeiteten Weltausschnitt. Im Gegensatz dazu bedeutet reines Aneignen nur, sich etwas einzuverleiben, es
unter Kontrolle zu bringen oder verfügbar zu machen.“ (H. Rosa/W. Endres, Resonanzpädagogik. Wenn es im Klassenzimmer knistert. 2016,124.)

·        Interesse der Leitenden und Gruppenmitglieder für die Äußerungen sowohl der einzelnen Beteiligten wie auch der Tradition
(Was ich nicht verstehe, will ich auf seine Bedeutung hin hinterfragen. Aber auch das, was ich verstanden habe, muss ich nicht einfach für mich übernehmen.)

·        Ambiguitätstoleranz
(Ich sehe das ganz anders als du. Aber ich gehe davon aus, dass deine Sicht genauso „richtig“ ist wie meine.)

·        Subjektorientierung und Offenheit für Pluralität
(Ich möchte gerne wissen, wie du das verstehst. Dadurch erfahren wir mehr über die Wirkung und Bedeutung dieser Geschichte, dieses Rituals, dieses Kunstwerks etc.)

·        Echte Fragen und Neugierde auf unterschiedliche Antworten
(Besonders interessant sind Fragen wie „Was passiert deiner Meinung nach, wenn man gestorben ist?“ Oder: „Was sagt uns dieses Kunstwerk?“ Oder: „Wie würdest du anstelle von Jesus reagieren?“.)

·       Bewusste Gestaltung der Sozialformen, z. B. nach dem Schema „think – pair – share“
(Mache dir bitte zu dieser Frage zunächst ein paar Notizen und tausche dich dann mit deinem Nachbarn darüber aus. Anschließend werdet ihr eure Gedanken in die Großgruppe einbringen. Bei Gesprächen bietet sich eventuell ein Medium an, das von Sprecher*in zu Sprecher*in weitergegeben wird.)