Das Apostolische Glaubensbekenntnis

Das sog. Apostolische Glaubensbekenntnis hat sich aus einem Element des römischen Taufritus entwickelt. Vor jedem Untertauchen eines Täuflings bejahte dieser jeweils eine Frage mit dem lateinischen Wort „credo“, d. h. „Ich glaube.“ Nach der sog. Apostolischen Überlieferung (aus der ersten Hälft des 3. Jahrhunderts)  lauteten die drei Fragen: „Glaubst du an Gott, den allmächtigen Vater?“ „Glaubst du an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der geboren ist vom Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria, der unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, gestorben, am dritten Tage lebend von den Toten auferstanden und zum Himmel aufgestiegen ist, zur Rechten des Vaters sitzt, der kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten?“ „Glaubst du an den Heiligen Geist in der heiligen Kirche und an die Auferstehung des Fleisches?“
Ambrosius von Mailand (339-397) nannte das Glaubensbekenntnis erstmals „apostolisch“. Er brachte damit die Überzeugung zum Ausdruck, dass die Inhalte mit den Lehren der ersten Christen übereinstimmen. Aufgrund der starken Verknüpfung mit der Taufe wurde und wird es als Identifikationsmerkmal der Christen verstanden. In der Fachsprache wird das Apostolische Glaubensbekenntnis auch „Symbolon“ genannt. Mit diesem Wort bezeichneten die antiken Griechen eine Erkennungs- und Berechtigungsmarke zum freien Eintritt in einen bestimmten Bereich. Im gemeinsamen Sprechen des Glaubensbekenntnisses findet also die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Getauften und der besondere („königliche„) Auftrag der Nachfolger*innen Jesu Christi einen symbolischen Ausdruck.

Die einzelnen Glaubensaussagen sind in einer hochkonzentrierten, theologischen Sprache verfasst. Im Folgenden versuche ich, sie gewissermaßen etwas zu „verflüssigen“ – in der Hoffnung, dass durch ein besseres Verständnis auch eine größere Bedeutung für das alltägliche Leben wächst.

Glauben bedeutet: sich in etwas festmachen. Wie eine Bergsteigerin, die sich an einem steilen Felsen sichert. Vielleicht ist da ein Eisenring, den andere vor ihr dort befestigt haben. Den prüft sie, ob er noch richtig sitzt. Und nur wenn sie absolut davon überzeugt ist, dass sie sich im Zweifelsfall auf diese Sicherung verlassen kann, wird sie ihr Seil dort einklinken. Und wenn sie diese Route schon einmal als Kind geklettert sein sollte, wird sie trotzdem genau prüfen. Schließlich wiegt sie jetzt vielleicht doppelt so viel wie damals.
Genauso ist es mit dem Glauben: Glaubensüberzeugungen stammen von Menschen, die früher selbst einen Glaubensweg gegangen sind. Ihre religiösen „Befestigungen“ haben über Generationen hinweg Menschen gehalten und geleitet. Sie können auch für mich sehr hilfreich sein. Aber ich will sie vorher prüfen, ob sie eben auch mich und mein Leben heute halten. Und wenn ich zweifle, muss ich eben abseits der traditionellen Route suchen, wo ich mich festmachen kann. Das kann ein Risiko sein – genauso wie die Einstellung: „Was früher die Menschen gehalten hat, wird schon heute auch mich noch halten.“

Glaube und Gott gehören zusammen, schreibt Martin Luther in seinem Großen Katechismus. „Woran du dein Herz – d.h. dein Leben – hängst, das ist eigentlich dein Gott.“ So wie mein Glaube sehr viel mit meinen Erfahrungen zu tun hat, so auch mein Gott: Mein Gott ist einerseits die Sicherung, die mich hält; und andererseits das Ziel, an dem ich mein Leben ausrichte. Mein Gott ist das, was mir in meinem Leben Halt und Orientierung gibt.
Manche Menschen haben den Mammon (d. h. den Besitz, den materiellen Erfolg) zum Gott erwählt, schreibt Luther weiter. In ähnlicher Weise kann man auch das Aussehen vergöttern: Dass jemand letztlich nur darin Halt findet, wie er oder sie aussieht; dass sich jemand letztlich nur an einem gerade gängigen Schönheitsideal orientiert und sich daran anpassen will.
Die Bibel ist dagegen sehr eindeutig: Gott hat keinen Körper und kein Aussehen. Gott ist weder reich noch arm. Nur reich an Liebe und Barmherzigkeit. „Gott ist Liebe“, heißt es im 1. Johannesbrief (Kap. 4, Vers 16). Das heißt: Gott ist eine Lebenseinstellung und Lebensausrichtung, die die anderen – auch die ganz Anderen! – sieht und anerkennt; die „Nächsten“, auch wenn sie ganz anders sind als ich; auch wenn ich sie vielleicht nicht mag.

Die erste Stelle in der Bibel, in der Gott sich selbst als „Vater“ bezeichnet, steht im Zusammenhang mit der Königsherrschaft der Nachkommen Davids. In 2. Sam 7,14 legt Gott den Grundstein für die Erbfolge des Königshauses Davids: Wenn du gestorben bist, soll dein Sohn dein Nachfolger sein, sagt Gott zu David. Und zwar „im Namen Gottes“: „Ich werde sein Vater sein und er mein Sohn.“ Gott selbst wird den jeweiligen Thronnachfolger so führen, dass er sich gerecht verhält. Aber Gott wird seine Gnade nicht von ihm abziehen – wie immer er sich auch verhält. „Dein Thron soll für alle Zeit fest gegründet sein“
(Vers 16).

An diese Zusage erinnerten sich die frommen Juden vor allem dann, wenn sie unter einem König zu leiden hatten, der eben nicht nach Gottes Willen regierte. Dann vertrauten sie darauf, dass Gott sich wieder als „Vater“ erweisen und einen „Sohn“ einsetzen wird, der das Volk im Namen Gottes führen und zu nie gekannter Größe und Bedeutung bringen würde. (Der „im Namen Gottes“ eingesetzte König wurde feierlich mit heiligem Öl gesalbt. Deshalb wurde er als „der Gesalbte“ – hebräisch: „maschiach“; griechisch: „christos“ – erwartet.)
Im Neuen Testament wird dieser erwartete „Sohn Gottes“ mit Jesus von Nazareth gleichgesetzt. Folgerichtig spricht Jesus sehr häufig vom „Vater“, wenn er Gott meint.

Aber es gibt noch eine weitere Linie von Vater-Sohn-Beziehung: Der Prophet Hosea bezeichnet (im 8. Jahrhundert v. Chr.) das ganze Volk Israel als „Sohn“ Gottes: „Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb und rief meinen Sohn aus Ägypten“ (Hos 11,1). Das Volk Gottes braucht also gar keinen förmlich eingesetzten König. Es ist selbst Gottes „Sohn“! Diese Tradition greift Jesus auf, wenn er zu seinen Nachfolger*innen sagt: „So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel …“ Alle Gläubigen sollen Gott „Vater“ nennen. Das gilt ganz unabhängig von der Herkunft, vom Geschlecht, vom sozialen Stand usw.; denn: „Welche der Geist Gottes leitet, die sind Söhne Gottes.“ (Röm 8,14)


Wer beim „Allmächtigen“ an jemanden denkt, der (wie bei „Bruce Allmächtig“) mit Fingerschnipsen ein altes Auto in einen Rennwagen verwandelt oder mal kurz den Mond näher heranrückt, damit es noch romantischer wird, der ist hier „im falschen Film“. Es geht nicht in erster Linie um „göttliche“ Machtdemonstrationen, sondern um die Frage: Gebe ich meinem Gott wirklich alle Macht?
Die Allmacht des biblischen Gottes hängt mit dem alten jüdischen Glaubensbekenntnis zusammen: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner Kraft.“ (5. Mose 6,4+5) Und kurz davor heißt es im 1. Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ (5. Mose 5,7). Deshalb wird im Alten Testament von Gott gesagt, dass er eifersüchtig sei – wie eine Frau, die keine Nebenbuhlerin akzeptiert. Sie will eben „von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft“ geliebt werden und die „Macht der Liebe“ nicht mit jemand anderem teilen!
„Ich bete an die Macht der Liebe“ ist eines meiner liebsten Kirchenlieder. Mein Gott ist als Liebe allmächtig, wenn die Liebe wirklich „die größte“ ist (1. Kor 13,13). Wie und wann kann ich die Allmacht der Liebe wahrnehmen? Zum Beispiel wenn andere über mich lästern; oder wenn ich mich selbst hässlich und nutzlos finde: Dann könnte ich solchen Stimmen Macht über mich geben – oder ich gebe der Liebe die alleinige Macht, die All-Macht. Sie sagt dann zu mir: „Du bist einfach wunderbar!“ Und scheucht die „anderen Götter“ fort.
Natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen gewissermaßen die „Nebenbuhlerinnen“ – das Vergleichen, das Be- und Verurteilen, der (Selbst-)Hass, der Tod usw. – mehr Einfluss auf mich haben als die Liebe. Dann ist der Glaube an die Allmacht meines Gottes umso wichtiger – wie es in der 3. Strophe des schönen Liedes „So nimm denn meine Hände“ (EG 376) heißt: „Wenn ich auch gleich nichts fühle / von deiner Macht, / du führst mich doch zum Ziele / auch durch die Nacht.“

Ich nehme die Welt, also Himmel und Erde, anders wahr, wenn ich sie als göttliche Schöpfung, als Ergebnis von Zuwendung (auch im Sinne von Geschenk) glaube: Ich sehe Vielfalt, wo andere vielleicht nur Verwertbares sehen. Ich sehe Beziehungen, wo andere vielleicht (biologische, geografische …) Grenzen ziehen. Ich nehme Wunder des Lebens wahr, wo andere vielleicht nur Kombinationen von Aminosäuren sehen. Der Glaube an Gott den Schöpfer des Himmels und der Erde macht mich dankbar. Und das bedeutet für mich gleichzeitig: Es gibt kein anderes Prinzip, das Leben schafft und erhält, als die Liebe.

Aber in dieser Glaubensaussage steckt noch mehr: „Himmel“ steht für das große Reich der Möglichkeiten. Die Liebe – d. h. die Anerkennung der anderen und ganz Anderen – eröffnet immer wieder neue Möglichkeiten. Es ist wirklich möglich, seine Feinde zu lieben und für die zu beten, die einen verfolgen (Matth 5,45)! Es ist möglich, sich einzuschränken, damit Menschen in allen Teilen der Welt satt werden und auch die kommenden Generationen noch gut auf dieser Erde leben können!
„Erde“ steht für das Reich der Wirklichkeiten. Ja, es gibt nicht nur eine Wirklichkeit! Die Wirklichkeit der meisten Menschen auf der Nordhalbkugel sieht anders aus als die Wirklichkeit der meisten Menschen auf der Südhalbkugel. Und die Wirklichkeit eines sehr wohlhabenden, kinderlosen Single-Mannes unterscheidet sich sehr von der Wirklichkeit einer alleinerziehenden Mutter, die von staatlicher Unterstützung leben muss. Den Blick für die unterschiedlichen Wirklichkeiten schafft die Liebe.

Wie und wo aber „berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns“, wie es in einem schönen Lied heißt? Das Reich der göttlichen Möglichkeiten wird für Christen zur Wirklichkeit, wo die Liebe Gestalt annimmt. Die Theologen sprechen hier von „Inkarnation“: Gott, die Liebe, wird Mensch. Damit kommen wir zum sog. zweiten Glaubensartikel.

Was wie Vor- und Zuname aussieht, ist wahrscheinlich das älteste christliche Glaubensbekenntnis: „Jesus ist der Christus.“ „Christus“ ist die griechisch-lateinische Übersetzung von „Messias“. Beide Wörter bezeichnen den „Gesalbten“. Sie meinen den erwarteten König, der die Herrschaft Gottes auf der Welt verwirklichen wird. Gerade während der Zeit der römischen Herrschaft über das Gebiet der alten Staaten Israel und Juda war das sehnsüchtige Warten auf den Messias/Christus sehr groß. Die von den Römern eingesetzten politischen Führer und Zollpächter bereicherten sich auf Kosten der Fischer, Handwerker und Bauern. Diese mussten teilweise ihr Land verkaufen und als Tagelöhner arbeiten, um die hohen Steuerschulden bezahlen zu können. Manche gerieten sogar samt ihren Familien in die Schuldknechtschaft: Sie waren Leibeigene einer ungerechten Herrschaft. Andere wurden ins Gefängnis geworfen, bis Angehörige sie wieder „erlösten“ (= auslösten). Ihre Hoffnung setzte das sog. einfache Volk auf das Kommen des „Heilands“ und Retters, den z. B. der unbekannte Autor des sog. Deuterojesaja (= „Zweiter Jesaja“; Jes 40 – 55) ankündigte. Er lässt Gott zum kommenden König sagen: „Durch dich zeige ich meine Verbundenheit mit den Menschen. Ich mache dich zum Licht für die Völker. Du wirst Blinden die Augen öffnen und Gefangene aus dem Kerker holen. Die im Dunkeln sitzen, befreist du aus der Haft.“ (Jesaja 42,6-7; BasisBibel)

Solches erzählen die Evangelien über Jesus von Nazareth: Er öffnete Blinden die Augen. Er heilte Kranke. Er befreite Menschen, die von „bösen Geistern“ geknechtet wurden. Er kümmerte sich darum, dass die Menschen satt wurden und ihr „tägliches Brot“ bekamen. Er kritisierte diejenigen, die andere wegen deren Schulden ins Gefängnis gebracht hatten (z. B. Matth 18,23-35: „Von der Vergebung; der Schalksknecht“). Und er wollte mit der Berufung der „Zwölf“ den alten Bund Gottes mit seinem Volk wiederaufrichten. Vor diesem Hintergrund spricht Petrus zu Jesus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Matth 16,16)

Vor vielen Jahren habe ich Konfirmand*innen gefragt, wie sie diese Glaubensaussage verstehen. Die erste, spontane Reaktion war: „Jesus war eben ein Eingeborener.“ So hatte ich diese Aussage noch nie verstanden! Deshalb bin ich für diese neue Perspektive dankbar: Jesus war einer aus dem Volk. Kein Missionar von außen gleichsam. Interessant! Aber wie könnte man das noch verstehen? „Naja: Vielleicht ist Jesus in den Gott hineingeboren worden?“ „Nein, umgekehrt: Gott wurde in Jesus hineingeboren!“ Und schon hatte ich wieder etwas dazugelernt. So macht diese Aussage schließlich auch Sinn: Auf wunderbare Weise ist Gott, die Liebe, in Jesus von Nazareth „hineingeboren“ worden und im Laufe der Zeit in ihm groß geworden.
Dahinter fällt die ursprünglich gemeinte Aussage etwas zurück. Allerdings hat sie eine bedeutsame Spitze: Im lateinischen Text des Apostolikums steht an dieser Stelle das Wort „unicum“. Genau übersetzt lautet die Aussage also: „Und an Jesus Christus, seinen einzigen Sohn“.

„Sohn“ ist ein Beziehungsbegriff. Zu ihm gehört in unserem Zusammenhang „Vater“. Wie die göttliche Vater-Sohn-Beziehung zu verstehen ist, habe ich bereits oben ausgeführt: „Sohn Gottes“ war eine traditionelle Bezeichnung für den König bzw. für den „Gesalbten“ (Messias; Christus). Aber auch im Umfeld des altorientalischen Judentums ließen sich Könige und Caesaren so verehren. Die Vorstellung einer göttlichen Allmacht spiegelte sich in der unbeschränkten Macht der Alleinherrscher.
Dagegen sagt unser Glaubensbekenntnis: Jesus, der Christus, ist der einzige Sohn Gottes! Gerade in dem, an dem die vermeintlichen Halb-Götter durch die Kreuzigung ihre „Allmacht“ demonstrierten, ist das Wesen Gottes sichtbar geworden. Und nur in ihm: Die leidensfähige Liebe ist wahrhaft göttlich; nicht die Ausübung von Gewalt! So schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth: „Die Botschaft vom Kreuz erscheint denen, die verloren gehen, als eine Dummheit. Aber wir, die gerettet werden, erfahren sie als Kraft Gottes.“ (1. Kor 1,18; BasisBibel)