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Söhne Gottes - Gottes Kinder

Getaufte sind keine unmündigen Kinder, sondern König*innen

Ich schreibe diese Gedanken in der ersten Woche nach Epiphanias. Der Wochenspruch für diese Woche lautet in der Luther-Übersetzung „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“ (Röm 8,14). Das Proprium für den 1. Sonntag nach Epiphanias sieht als alttestamentliche Lesung (und Predigttext in der IV. Reihe) das erste Gottesknechtslied (Jes 42,1-9) vor, als Epistel Römer 12,1-8 („Der vernünftige Gottesdienst“) und als Evangelium die Schilderung der Taufe Jesu (Matth. 3, 13-17). Was verbindet diese Texte mit dem Wochenspruch und untereinander? Und welche Relevanz haben sie heute, angesichts von Corona-Pandemie, Klimawandel, Kriegen und Hungersnöten? Der Schlüssel zu einer Antwort liegt m. E. in einer verständigen Übersetzung von Röm 8,14.

Auf Instagram hat eine Kollegin ihre Gedanken zu Weihnachten gepostet und mit dem Wochenspruch verbunden. Sie fühlt sich zurückversetzt in ihre Kindheit: Das Spielerische des Dekorierens. Die Spannung am Heiligen Abend. Wie ein Kind auf dem Boden sitzen und Geschenke auspacken: wie in der Kindheit. „Ich bleibe Kind mein Leben lang“, schreibt sie. „Das ist ein schönes Gefühl.“

Solche Gefühle tun sicherlich gut, gerade in einer Zeit, in der wir ständig „erwachsen“ und vernünftig sein müssen. Auf die Dauer ist die Angst vor Ansteckung und den Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen, vor dem Verschwinden der Gletscher und den Folgen des Krieges im Nahen Osten nicht auszuhalten. Insofern kann es einfach nur guttun, immer mal „wieder ein Kind“ zu sein.

Die Metapher „Sohn Gottes“

Aber mit dem Wochenspruch haben diese Gedanken eher wenig zu tun. Das wird deutlich, wenn man in den griechischen Text schaut.[1] Denn Paulus gebraucht hier die Metapher hyoi tou theou, also „Söhne Gottes“. Erst im übernächsten Vers schreibt er, „dass wir Kinder Gottes (tekna theou) sind“. Die Brücke zwischen beiden Aussagen bildet die hyothesia, d.h. die Annahme an Sohnesstatt und also Adoption. Deshalb können wir Gott als „Abba, lieber Vater“ anrufen.

Das Metaphern-Paar „Sohn“ und „Vater“ bezieht sich (u.a.) auf 2. Sam 7,14. Gott sagt da zum König David: Nicht du sollst mir ein Haus, einen Tempel, bauen, sondern ich will dir ein „Haus“ bauen und eine Dynastie errichten, indem ich den Königsthron deines Sohnes auf Ewigkeit hin bestätige: „Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein.“

Psalm 89 erinnert an diesen „Schwur“ Gottes[2]: Gott hat einen Bund geschlossen mit seinem „Auserwählten“. „Ich habe David, meinem Knechte, geschworen: Ich will deinem Geschlecht festen Grund geben auf ewig und deinen Thron bauen für und für. … Ich habe gefunden meinen Knecht David. Ich habe ihn gesalbt mit meinem heiligen Öl. Meine Hand soll ihn erhalten, und mein Arm soll ihn stärken“ (Ps 89,4f, 21f).

Dass der König als „Sohn Gottes“ angesehen wird, ist sowohl aus Ägypten wie aus dem Zweistromland bekannt. Auf alten Darstellungen hält die Gottheit den König an der Hand, wie einen Sohn. Das erste Gottesknechtslied greift dieses Bild auf: „Siehe, das ist mein Knecht – ich halte ihn (an der Hand); mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht zu den Völkern bringen“ (Jes 42,1).

Die Adoption des (neuen) Königs wird in Psalm 2 in Szene gesetzt: Da verlacht „der im Himmel wohnt“ die sich auflehnenden Könige der Erde und schreckt sie mit seinem Grimm: „Ich aber habe meinen König eingesetzt auf meinem heiligen Berg Zion.“ Und der neue König gibt selbst den „Ratschluss des HERRN“ bekannt: „Er hat zu mir gesagt: ‚Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt/geboren.“

An diese Traditionslinien erinnert die Schilderung der Taufe Jesu: Nachdem er getauft ist, öffnet sich ihm der Himmel. Er sieht den Geist Gottes wie eine Brieftaube zielsicher zu ihm herunterkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel spricht: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Matth 3,17). Die Verleihung des Geistes Gottes, die in früheren Königszeiten durch das Salben mit heiligem Öl dargestellt wurde, geschieht hier durch die Taufe. Damit wird Jesus – in einer neuen Form von hyothesia – von Gott an Sohnesstatt angenommen und in sein königliches Amt eingesetzt.

Anschließend tut Jesus das, was ein Gott wohlgefälliger König tun soll: Er kümmert sich wirklich um sein Volk. Er heilt Kranke, treibt unfrei machende „böse Geister“ aus, richtet Gekrümmte wieder auf, öffnet Blinden die Augen – und holt damit die vorher ausgegrenzten Menschen wieder in die Gemeinschaft hinein. Jesus ist der „gute Hirte“, der gute König im Sinne Gottes. Er spricht nicht nur verständlich (Gleichnisse!) von der Königsherrschaft Gottes – er setzt sich auch mit seinen Möglichkeiten dafür ein, dass „das Volk“ genug zu essen hat. Deshalb ist es beinahe logisch, dass Petrus in Jesus den „Gesalbten des HERRN“, den Messias erkennt: „Du bist der christós, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Matth 16,16).

Getaufte als „Söhne Gottes“

Die Getauften haben den „Geist der hyothesia empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ (Röm 8,14). Aus dem Status der Unfreiheit („Geist der Sklaverei“) befreit, sind sie zur Übernahme der Königsherrschaft Gottes berufen. Denn: „Die, die vom Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes“[3]. Wie der Messias/Christus sind sie dazu aufgerufen, das zu tun, was ein Gott wohlgefälliger König tun soll: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen (Matth 25,14ff). Dazu gehört außerdem das Eintreten für Frieden[4], Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Das ist der „vernünftige Gottesdienst“ (Röm 12,1), die logische Folge aus der hyothesia. Dazu sind wir nicht als Einzelne gerufen, sondern als Gemeinschaft, als „ein Leib in Christus“ (12,5) – jede und jeder nach seinen/ihren jeweiligen Möglichkeiten.

Deshalb erscheint es mir auch folgerichtig, dass Jesus in Matth 6 nur eine Form des Gebets für angemessen hält: das „Unser Vater im Himmel“. Diejenigen, die so beten, erinnern sich daran, dass sie „Söhne Gottes“ sind. Keine unmündigen Kinder, sondern tatsächlich König*innen. Ihre Perspektive lautet: Die Königsherrschaft Gottes, d.h. der Geist der Liebe bzw. Anerkennung, möge verwirklicht werden. Der Wille Gottes geschehe, „wie im Himmel so auf Erden“. Das heißt konkret: Alle sollen ihr „tägliches Brot“ bekommen. Die drückende, unfrei machende Schuldenlast soll aufgehoben werden – wie auch alle, die „ein Leib in Christus“ sind, einander die Schulden erlassen. Und gebe Gott, dass man selbst nicht in Situationen kommt, diese Prinzipien zu verraten! Vielmehr möge „das Böse“ seine Attraktivität für immer verlieren! Aber: Wir wollen uns an unserer Aufgabe nicht verheben oder größenwahnsinnig und ungeduldig werden. Denn die konkrete Gestaltung von Königsherrschaft, Macht und Herrlichkeit wird Utopie[5] bleiben – Möglichkeit, die unserer Wirklichkeit Horizonte schafft.

Konsequenzen

Als Referent für Konfirmationsarbeit habe ich mich viele Jahre auch mit der Bedeutung der Taufe beschäftigt. Die Konfirmation hängt ja unmittelbar damit zusammen. Ich habe zwar immer wieder ein Interesse an der Taufe wahrgenommen – aber meistens hinsichtlich der Gestaltung der Tauffeier und den damit verbundenen Chancen für den Kontakt zu den Taufeltern und -pat*innen. Manchmal noch im Sinne von Gemeindeaufbau. Selbstverständlich halte auch ich den Fokus auf das „Umfeld“ von Kasualien sehr wichtig für die Ermöglichung und Stärkung von Bindungen zur Kirche. Aber darüber hinaus habe ich für eine echte tauforientierte Positionierung geworben.[6]

Zur Bedeutung der Taufe höre ich häufig die Aussage: „Sie macht uns zu Kindern Gottes.“ Aber was heißt das eigentlich? Antwort: „Wir sind von Gott geliebt und werden nicht nach unseren Taten be- oder gar verurteilt.“ Da kann ich natürlich gut mit. Aber was unterscheidet dann Getaufte von Nicht-Getauften? Werden die von Gott nicht geliebt? „Das sei ferne!“ Denn „Gott ist die Liebe“ und sie gilt sogar für unsere Feinde.[7]

Wenn ich aber auf die Frage nach der Bedeutung der Taufe antworte: „Sie macht uns zu Söhnen und Töchtern Gottes, d. h. zu Beauftragten, im Sinne von Liebe und Gerechtigkeit zu handeln“, dann ist diese Antwort mit einer politischen Positionierung verbunden. Politisch in dem Sinn, dass es um eine konkrete Einstellung zum Handeln in der jeweiligen Gesellschaft geht. Eine Positionierung stellt der Hinweis auf die hyothesia deshalb dar, weil man (heute) nicht einfach davon ausgehen kann, dass alle Menschen nach dem Prinzip der Liebe/Anerkennung handeln wollen. Pointiert ausgedrückt: Wer getauft ist, verpflichtet sich zu diesem Prinzip und zu einem entsprechenden Handeln – unter Umständen auch im Gegenüber zum Mainstream. Das Glaubensbekenntnis ist – als Taufbekenntnis – eigentlich nichts anderes als ein Ausdruck dieser Positionierung.

Dies ist einem großen Teil der sonntäglichen Gottesdienstgemeinde sicherlich nicht bewusst. Und ich vermute, dass diese politische Dimension auch vielen Gemeindemitgliedern nicht recht ist. Sie präferieren „schöne Predigten“, die eine Glaubensgewissheit und „Seelenheil“ vermitteln, die nicht anstößig sind.[8] Wahrscheinlich möchten sie am liebsten zurückgeführt werden in einen Zustand kindlicher Reduktion von Komplexität. Das ist ja durchaus verständlich. Und freilich bilde ich mir nicht ein, auf tagespolitische Fragen die einzig wahren Antworten zu kennen. Aber ich kann mich andererseits auch nicht in die bequeme Haltung eines Unmündigen flüchten. Denn es ist nun mal so: „Die, die vom Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne/Töchter Gottes.“ Und als solche sind wir zu einem „vernünftigen Gottesdienst“ aufgerufen. Gemeinsam, als „ein Leib in Christus“.

[1] Nicht nur hinsichtlich dieser Stelle stimme ich deshalb dem Inhalt des Offenen Briefs von Prof. em. Wolfgang Kraus im Korrespondenzblatt 1/2022 voll und ganz zu: Es bleibt weiterhin notwendig, dass Theologie-Studierende mindestens Koiné-Griechisch lernen und sich mit Hebräisch so weit auskennen, dass sie im „Lexicon in veteris testamenti libros“ das Bedeutungsspektrum einzelner Wörter nachschlagen können.
[2] Zur zeitlichen Abhängigkeit der einen Stelle von der anderen kann ich nichts sagen. Mag sein, dass der Psalm älter ist und 2. Sam 7 den Inhalt später „in Szene setzt“. Für mein Verständnis hätte dies keine Bedeutung.
[3] Selbstverständlich ist die Bedeutung dieser Metapher nicht auf das männliche Geschlecht begrenzt! Sie ist als generisches Maskulinum zu verstehen. Ich verwende die wörtliche Übersetzung hier nur deshalb, um die Resonanzachse zwischen Christen und der traditionellen Aufgabe der israelitischen Könige sowie dem Christus Jesus kenntlich zu machen. Statt der Übersetzung „Gottes Kinder“ wäre heute wahrscheinlich „Söhne und Töchter Gottes“ wesentlich sachgemäßer, weil dadurch die Ermächtigung deutlicher wird.
[4] Vgl. Matth 5,9: „Glücklich sind die, die Frieden machen, denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“
[5] Im Sinne von: „noch keinen Ort (u topos) in unserer Welt habend“.
[6] Deshalb hat mich von Anfang an der Prozess „Profil und Konzentration“ in der ELKB sehr interessiert.
[7] Soziolog*innen beschäftigen sich u.a. mit der Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält. Für Axel Honneth (und andere) ist das Anerkennung. Sie ist wohl so etwas wie „die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit“ (Kol 3,14).
[8] S. L. Bednarz, Verschont mich mit politischen Predigten, in: DIE ZEIT Nr. 53/2021, 22.